Ernst Reuter

1889 – 1953

Ernst Reuter Kurzbiografie

Reuter wurde am 29. Juli 1889 in Apenrade, in der damaligen Provinz Schleswig-Holstein (heute Dänemark) als Sohn eines Kapitäns und Direktors einer Navigationsschule geboren. Er besuchte in Leer/Ostfriesland die Volksschule und das Ubbo-Emmius-Gymnasium. Er studierte ab 1907 in Marburg Philosophie und Sozialwissenschaften. 1909 wechselte er an die Universität nach München, wo er erstmals mit den Ideen des Sozialismus in Berührung kam.



Seit 1907 war er Mitglied der Studentenverbindung SBV Frankonia Marburg im Schwarzburgbund (ein Bund von Studentenverbindungen mit dem Ziel, christliche Werte zu verwirklichen: „Gott, Freiheit, Vaterland“), aus der er 1911 wegen schwerwiegender inhaltlicher Differenzen ausgetreten ist. 1910 kehrte er an die Philipps-Universität Marburg zurück um dort 1912 das Staatsexamen für das höhere Lehramt abzulegen. Anschließend arbeitete Ernst Reuter zunächst als Privatlehrer in Bielefeld, wo er sich 1912 der SPD anschloss. Kurz darauf ging er zum SPD-Parteivorstand nach Berlin, wo er eine Anstellung beim Zentralen Bildungsausschuss fand. Er engagierte sich als Pazifist, gründete mit Gleichgesinnten den Friedensbund „Neues Vaterland“ und verfasste Antikriegsschriften.

Im Ersten Weltkrieg wurde er an der Ostfront schwer verwundet und geriet in russische Gefangenschaft. Sehr schnell lernte er die russische Sprache und suchte Kontakt zu den Bolschewiki, denen er sich dann anschloss. Reuter wurde von Lenin von Dezember 1917 bis Ende 1918 als Volkskommissar in die Wolgadeutsche Republik gesandt, wo er für Kriegsgefangene und  die Wolgadeutschen arbeitete und ihr Los deutlich erleichtern konnte.



In den ersten Jahren der Weimarer Republik (1919-1921) war Reuter führender Politiker der KPD (Kampfname „Friesland“) und Vorsitzender des Parteibezirks Berlin-Brandenburg. In diese Zeit fällt auch seine Heirat mit seiner Frau „Hanna“, eine Ehe, aus der zwei Kinder hervorgingen (sein Sohn Edzard wurde später bekannt als Vorstandsvorsitzender von Daimler Benz).

Als Vertreter des aktionistischen „linken“ Flügels der Partei sprach er sich für den bewaffneten Aufstand im März 1921 (Märzaktion 1921) in Mitteldeutschland zur Niederschlagung des Kapp-Putsches aus. Er stand in dieser Frage gegen die bloße Beteiligung der Kommunisten am Generalstreik und damit in Opposition zum Parteivorsitzenden Paul Levi. Trotz dieser Differenzen nahm er eine bedeutende Rolle in der KPD ein, da er als „Liebling Lenins“ galt. Aber bereits im Januar 1922 schloss ihn die KPD aus; noch im selben Jahr kehrte Reuter in die SPD zurück. Er arbeitete danach als Redakteur für die SPD-Zeitung „Vorwärts“. Im Jahre 1924 verfasste er den Artikel „Russland oder England“, der seine Abwendung vom Kommunismus und die Rückkehr zu den militant demokratischen Grundüberzeugungen seiner Jugend dokumentierte. Der Vergleich der Lebensumstände der Arbeiterschaft in den beiden Ländern dokumentiert auch Reuters Interesse und profunde Kenntnis der internationalen Situation.

1926 wurde er Mitglied des Berliner Magistrats und war dort zuständig für Verkehr. In dieser Funktion setzte er den Einheitsfahrschein für die verschiedenen öffentlichen Verkehrsmittel in der Hauptstadt durch. Reuter gehörte zu den Initiatoren der Gründung der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Weil er bereits damals die aufkommende Automobilisierung vom öffentlichen Personennahverkehr entkoppeln wollte, förderte er den Ausbau des U-Bahnnetzes.

In den Jahren 1931 bis 1933 war er Oberbürgermeister von Magdeburg. In der Zeit der Weltwirtschaftskrise bekämpfte er Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. So entstanden unter anderem in Magdeburg-Lemsdorf Selbsthilfesiedlungen für Erwerbslose. 1932 wurde er in den letzten demokratisch legitimierten Reichstag der Weimarer Republik gewählt.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde er 1933 von allen Ämtern enthoben und zunächst im KZ Lichtenburg bei Torgau interniert. Er flüchtete über Holland und England in die Türkei, wo er in kürzester Zeit Türkisch lernte. Er wurde Berater des Wirtschaftsministeriums und Professor für Städtebau. 1946 kehrte er nach Deutschland zurück und übernahm nach der Berlinwahl im gleichen Jahr zunächst wieder das Berliner Verkehrsdezernat. 1947 wurde er zum Oberbürgermeister von Berlin gewählt. Die Sowjetunion weigerte sich jedoch, die Wahl anzuerkennen. Schließlich wurde er 1948 Oberbürgermeister der drei Westsektoren (West-Berlin).



Während der Blockade Berlins durch die Sowjetunion (1948/1949) wurde Reuter zur Symbolfigur und „Lichtgestalt“ des Berliner Durchhaltewillens. In die deutsche Zeitgeschichte eingegangen ist seine Rede vor der Ruine des Reichstagsgebäudes, in der er an die Weltgemeinschaft appellierte, West-Berlin nicht fallen zu lassen.

Bei der Wahl zur Stadtverordnetenversammlung 1948, die auf Grund der politischen Situation nur noch in den 3Westsektoren stattfand, schlug sich seine große Popularität in einem beispiellosen Wahlsieg der SPD nieder. Die 64,5 Prozent, welche die SPD unter seiner Führung erzielte, waren das höchste Ergebnis, welches je eine Partei auf Bundeslandsebene bei einer freien Wahl in Deutschland erzielt hatte. Wegen der bedrohlichen politischen Lage Berlins ging er eine Koalition mit CDU und LDP ein, die er als Oberbürgermeister führte. In dieser Funktion unterschrieb Ernst Reuter den Gründungsaufruf für die Freie Universität Berlin und wurde der erste Vorsitzende ihres Kuratoriums. 1949 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Freien Universität Berlin.



1951, nach dem Inkrafttreten der neuen Berliner Landesverfassung, wurde Reuter nach der Neuwahl zum ersten Regierenden Bürgermeister Berlins gewählt.

Am 17. April 1953 gründete Reuter die Bürgermeister-Reuter-Stiftung. Aufgabe der Stiftung war es, nach West-Berlin kommende Flüchtlinge zu unterstützen. Wenige Wochen nach dem Aufstand am 17. Juni 1953, dessen Niederschlagung er scharf kritisierte, verstarb Reuter 64-jährig am 29. September 1953 an den Folgen eines Herzanfalls. Beim Bekanntwerden der Todesnachricht stellten unzählige Berliner spontan und ohne vorherigen Aufruf Kerzen in die Fenster. Ernst Reuter wurde auf dem Waldfriedhof Zehlendorf beigesetzt, über eine Million Menschen gaben ihm sein letztes Geleit. Sein Grab ist heute ein Ehrengrab der Stadt Berlin.